„Konzept großer Offenheit und vielfältiger Gestaltungmöglichkeiten“: das ist Quartiersarbeit

Das Projekt Aufbruch Quartier stellt den so genannten „Sozialraum-Trialog“ in den Mittelpunkt und basiert dabei auf einem qualifizierten Verständnis von sozialen Quartieren. Hier spricht Siegfried Keppeler, Sozialraumreferent und Mitglied der Projektgruppe, über Inhalte und Chancen von diakonisch-kirchlicher Quartiersarbeit. Das Interview führte Martin Schwilk für die Publikation „sozial“ der BruderhausDiakonie.

Schwilk: Die Sozialpsychiatrie, aber auch die Jugendhilfe arbeiten seit Jahrzehnten mit den Begriffen Gemeindeorientierung und Sozialraumorientierung. Worin unterscheidet
sich die Quartiersorientierung von diesen fachlich etablierten Begriffen? Was bringt
sie Neues? Oder ist sie nur ein neuer Begriff, der letztlich dasselbe meint wie die seit
Langem etablierten Fachbegriffe?

Siegfried Keppeler

Keppeler: Die Diskussion ums Quartier gehört natürlich in den Gesamtzusammenhang von Gemeinwesenarbeit (GWA) und Sozialraumorientierung. Mit dem Quartiersbegriff wird ein Aspekt dabei besonders hervorgehoben: Es geht ums Wohnquartier. Nicht einzelne Zielgruppen oder bestimmte Handlungsfelder stehen im Vordergrund, sondern alle unterschiedliche Menschen eines Wohngebiets. In der Sprache der Gemeinwesenarbeit heißt das: Anstelle von „funktionaler“ oder „zielgruppenbezogener GWA“ wird wieder mehr auf „territoriale GWA“ gesetzt. Der Sozialraumbegriff ist da nicht so eindeutig. Er reicht inzwischen von der Lebenswelt und dem Sozialraum einer einzelnen Person über die sozialräumlichen Bezüge von Einrichtungen und ihren Angeboten bis hin zur sozialräumlichen Steuerung von Leistungen ganzer Landkreise oder Regionen oder sogar bis zum virtuellen Raum. Nicht so der Quartiersbegriff: Er meint den Nahraum von Menschen, ihre konkreten Wohnungen und Häuser, die öffentlichen Räume, Plätze, Parks aber auch Soziale Einrichtungen, – und Begegnungsorte, Einkaufsmöglichkeiten oder Transportmittel, des Verkehrs und öffentlichen Nahverkehrs. Quartiersorientierung interessiert sich für die Bedarfe von Menschen eines Gebietes, prüft bestehende Angebote auf ihre Tauglichkeit und klärt, wie Menschen im Quartier ihre Ressourcen nutzen, andere unterstützen oder mit anderen teilen können.

Wer macht quartiersorientierte Arbeit, wer bietet sie an?

Wie bei der sozialraumbezogenen Arbeit auch, können sich grundsätzlich alle Träger und Menschen, die sich einem Quartier zugehörig fühlen engagieren: Die professionelle Soziale Arbeit und freiwillig engagierte Bürger:innen, die Vereine und Kirchengemeinden ebenso wie der Einzelhandel oder das örtliche Gewerbe. Quartiersarbeit braucht Impulse und Koordination. Sie funktioniert aber nicht, wenn keiner mitmacht. Wenn es nicht gelingt die Menschen zu aktivieren. In manchen Städten und Gemeinden werden deshalb dafür sogenannte „Quartiersmanager:innen“ angestellt. Für mich klingt der Begriff etwas zu technisch und trifft den Kern der Tätigkeit nicht ganz. Es geht in erster Linie ja nicht ums managen sondern darum Menschen anzusprechen, zu motivieren und zu beteiligen. Quartiersarbeit heißt Menschen und Institution zu gewinnen und zusammenzuführen, um gemeinsame Aktivitäten im Quartier zu entwickeln. Um den sozialen Kitt und das Miteinander zu stärken und die Ressourcen auch für Schwächere  im Quartier einzusetzen.

Welche Überlegungen stehen hinter den Vorhaben zur Quartiersarbeit? Wer sind die
Treiber?

Bei unserem „Projekt Aufbruch Quartier“ im Diakonischen Werk ist häufig die Ausgangslage, dass Kirchengemeinden Räume und Gebäude haben, die neue Funktionen bekommen und mit neuen Aktivitäten belebt werden sollen. Deshalb laden wir Kirchengemeinden, diakonische Einrichtungen der verfassten Kirche und diakonische Träger zu einem sogenannten „Trialog“ ein. Dabei wird geklärt, welche Ideen und interessante Lösungsansätze entwickelt und wie die Quartiere belebt werden können. Für die Städte und Gemeinden, in denen die Quartiere liegen, kommen diese Überlegungen gerade jetzt zu einem sehr günstigen Zeitpunkt. Weil an vielen Orten der Bezug zum Quartier und die öffentliche Debatte, wie zukünftig Menschen gemeinsam leben wollen, wächst und die Bedeutung der Quartiere und ihre Belebung zunehmend als kommunale Aufgabe begriffen wird. In diesem Zusammenhang werden wir als Kooperationspartner und Mitgestalter von Quartieren für Kommunalverwaltungen und die Kommunalpolitik immer interessanter. Dies gilt sowohl für alte Bestandsquartiere wie auch für die neu entstehenden Neubauviertel. Kirche und Diakonie gewinnt in diesem Sinne an Bedeutung in der Städten und Gemeinden.

Wer finanziert Quartiersprojekte und Quartiersarbeit?

Ähnlich wie bei der Sozialraumorientierung gibt es bisher wenig explizite Stellen für Quartiersarbeit, die in der Regel von den Kommunen finanziert werden. Oder es handelt sich – ebenfalls kommunal finanziert – um Stellenanteile, die im Kontext komplexerer Aufgaben eben auch die Quartiersarbeit umfassen, bspw. in einem Familienzentrum, einem Nachbarschaftstreff, einem Gemeinwesenzentrum oder in einem Mehrgenerationenhaus.  Ansonsten erfolgen Finanzierungen projektgebunden und zeitlich befristet.

Welche Zielrichtung hat Quartiersarbeit, was soll sie erreichen? Und wer sind die
Zielgruppen von Quartiersarbeit?

Quartiersarbeit setzt am Territorium an und führt Menschen und Institutionen zusammen. Die Arbeit ist grundsätzlich nicht festgelegt auf bestimmte Zielgruppen. Sie richtet sich an Menschen von 0 bis 100 Jahre. Sie versteht sich inklusiv und hat benachteiligte und teilhabe eingeschränkte Menschen ebenso im Blick wie privilegierte und gut situierte Bürgerinnen und Bürgern im Quartier. Aufgabenschwerpunkte werden im Austausch von Institutionen, Bürgern und Verwaltungen entwickelt und die dafür notwendigen Raumangebote geplant. Deshalb handelt es sich beim Quartiersansatz um ein Konzept großer Offenheit und vielfältiger Gestaltungmöglichkeiten für diakonische Träger und Kirchengemeinden. Eine riesige Chance zur Gestaltung der Zukunft.

Welche Rolle spielen die Anbieter von sozialen Dienstleistungen, etwa diakonische Träger, in Quartiersprojekten?

Quartiersarbeit  braucht diakonische Träger, ihre Ideen und Nähe zu den Menschen in den Quartieren. Deshalb sind die Träger und ihre Mitarbeiter:innen häufig auch der Motor von Prozessen und ein Quell innovativer Ideen. Sie sind auch Motivatoren und Mutmacher für Bürger:innen, die etwas verändern wollen. Und sie sind immer wieder auch Türöffner zu den Verwaltungen in den Städten. Sie suchen nach Wegen, die Verantwortlichen der lokalen Politik für die Quartiersanliegen zu interessieren und ihre Unterstützung für die Umsetzung von Planungsideen zu gewinnen.                                                                       

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