Diakonisches Zentrum Christuskirche

„Mich haben Sie heute nicht abgeholt“: Lebhafte Diskussionen beim Auftaktdialog zum Bau des Diakonischen Zentrums Christuskirche in Reutlingen /  Ständige Werkstatt begleitet die Planungen für Um- und Neubau

Nach einer ausgewogenen Präsentation von Seiten des Diakonieverbands, der Evangelischen Kirche und der bruderhausDiakonie Reutlingen brachten beim „Auftaktdialog“ am Mittwoch, 13. Oktober Anwohnerinnen und Anwohner noch einmal pointiert ihre Bedenken gegen das Diakonische Zentrum vor. Sie ließen die Aussagen der Initiatoren, sich um nachhaltige Mobilität und Erhalt von möglichst viel Grünfläche so nicht gelten und sprachen von einer einseitigen „Werbeveranstaltung“. Zu wenig werde darauf geachtet, den Park zu erhalten und zu viel sei schon beschlossen, so der Vorwurf. In den nächsten Jahren ist der Umbau der Christuskirche in der „Tübinger Vorstadt“ geplant, verbunden mit dem Neubau zweier Gebäude und Wohnungen auch für Menschen mit Behinderungen. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde will dabei 13 Millionen Euro investieren. Eine erste Machbarkeitsstudie liegt vor. Eine „ständige Werkstatt“ unterstützt die Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger während der Umsetzung.

Lange Schlangen am Eingang zur Dialogveranstaltung

“Jetzt können wir noch gestalten”

„Wir werden als Kirche immer kleiner“, machte Dekan Marcus Keinath deutlich. Deshalb setze man alles dran, dass die Christuskirche nicht zu einem Spekulationsobjekt wie die Leonhardskirche werde. „Wir wollen sie als zweitgrößte und geschichtlich bedeutsame Kirche in Reutlingen in unserer Trägerschaft  erhalten“. Allerdings könne man ohne zusätzliche Nutzungen die reinen Erhaltungskosten von jährlich 80.000 Euro in Zunft nicht mehr einfach so aufbringen. „Wir wollen nichts verdienen mit dem Diakonischen Zentrum, aber die Wirtschaftlichkeit sichern“, so der Dekan. Er machte auch deutlich, dass man jetzt noch gestalten könne und Kirche dann „bei sich ist, wenn sie Kirche für die Menschen ist“. Deshalb müsse man jetzt aber entscheiden für einen Ort, an dem man „inklusiv leben, arbeiten und wohnen kann“.

Viele Wortmeldungen – das Interesse, mitzudiskutieren war groß

„In einem Zentrum sehe ich große Chancen, Menschen im Quartier zusammen zu bringen, einen Marktplatz zu schaffen, wo man sich begegnen kann. ich würde mich freuen, wenn der Park und die Kirche vielseitig genutzt werden können- und ich gehe davon aus, dass allen Beteiligten klar ist, dass schonend und rücksichtsvoll mit dem vorhandenen Baumbestand und den Grünflächen umgegangen wird. Was mir Sorgen macht, ist die Verkehrssituation. Für viele Menschen ist das Auto immer noch das wichtigste Verkehrsmittel und mehr Verkehr im Viertel wäre sicher nicht gut.“ Christiane Koester-Wagner, Vorsitzende Reutlinger Spendenparlament

So könnte nach den Planern das neue Zentrum in Zukunft aussehen

Starke Verbundenheit mit der Christuskirche

Die ursprünglich geplanten Thementische lehnten die rund 100 Besucherinnen und Besucher zunächst ab, forderten eine offene Diskussion und wollten mit ihren Anliegen gehört werden. Denn nach Ansicht einiger Anwohner „wurden bei der Projektvorstellung keine Nachteile genannt“ – auch wenn in der Präsentation auf die Themen Grünfläche und Verkehr und die Widerstände aus der Bevölkerung eingegangen worden war.  Deutlich wurde der unterschiedliche Informationsstand und eine Unzufriedenheit über den späten Zeitpunkt der Dialogveranstaltung. In ihren Voten machte eine Teilnehmerin geltend, dass ihrer Meinung nach der Stadtteil keine Quartiersmitte benötigt, es sowieso schon genügend Verkehr und zu wenig Grün gebe und es nicht in Ordnung sei, wenn in Zukunft keine Kirchenmusik mehr möglich sei. Viele der Voten machten eine starke persönliche Verbundenheit mit der Christuskirche deutlich aufgrund der eigenen Geschichte. Für eine Teilnehmerin war es schwierig, dass Menschen mit Behinderungen in den Stadtteil kommen sollen.

Im Anschluss an die Veranstaltung diskutierten die Teilnehmenden in kleinen Gruppen

„Die Chance  des Diakonischen Zentrums Besteht in einer engeren Zusammenarbeit von Diakonie und Kirche und der Stadt Reutlingen durch die Möglichkeit einer stärkeren Quartiersarbeit. Die Entfernung von manchen Bäumen wird durch eine neue Anpflanzung teilweise ausgeglichen und die entstehenden Wohnungen sind eine notwendige Investition in die Zukunft in den fehlenden Wohnbedarf in Reutlingen für benachteiligte Menschen. Das wichtige bei den Planungen ist, dass auch die Nachbarschaft etwas von dem entstehenden Park hat.“ Manfred König, Kirchengemeinderat Hohbuch-Gemeinde Reutlingen

Ein Teilnehmer betrachtet den Stand der ersten Entwürfe

„Wir können uns ein Diakonisches-Zentrum prinzipiell sehr gut vorstellen. Ein solches Zentrum wertet den Stadtteil sicherlich auf, stellt weitere Lebensqualität dar und ist durch sein buntes Angebot sicherlich eine Bereicherung. Auch würden wir die Menschen in den angedachten Wohnformen sehr willkommen heißen. Große Einwände haben wir aber bezüglich des Umweltaspektes. In Zeiten des Klimawandels ist es einfach allerhöchste Zeit, umzudenken.” Jochen und Christina Weeber, Anwohner

Stadt wirbt für “gutes Leben in lebendigen Quartieren”

Oberbürgermeister Thomas Keck warb dafür, dass es der Stadt dass es der Stadt um „ein gutes Leben in lebendigen Quartieren“ gehe. Hier würden Diakonie und Kirche in Reutlingen einen wichtigen Beitrag leisten. Persönlich „als Pfarrer“ machte Joachim Rückle, Geschäftsführer des Diakonieverbands klar: „Wenn Diakonie hier einzieht, dann bleibt es Kirche“. Für ihn geht es darum, einen Begegnungsort zu schaffen,  ein „lebendiges Miteinander auch im Wohnen“. Dies sei auch wertvoll für Menschen aus dem Viertel, die gerne vor Ort bleiben möchten oder auch ganz bewusst in die Tübinger Vorstadt ziehen möchten. Wichtig ist ihm auch: „Wir wollen nicht noch mehr Verkehr produzieren, also schon da ist“.

Eines von zahlreichen Plakaten am Eingang zur Christuskirche

„Wie wir Anwohner bereits bei verschiedenen Gelegenheiten deutlich gemacht haben, sehen wir für das Viertel eigentlich nur Nachteile, sollte der kleine Kirchpark dem Projekt zum Opfer fallen. Sollte der Bau des Zentrums an der Christuskirche unumgänglich sein, so plädiere ich für die Lösung nach Norden hin im Anschluss an das jetzige Pfarrhaus und für die Beibehaltung des Parks. Dieser, idealerweise nutzungsoptimiert ein wenig umgestaltet, käme dann auch den Bewohnern Ihres Gebäudes als einzige grüne Oase des Quartiers zugute. Wir erkennen die soziale Komponente Ihres Projekts durchaus an, haben aber erhebliche Zweifel daran, dass es bei ernsthaftig gutem Willen keine andere Lösung geben soll, als dafür ein Stück wichtiges städtisches Grün unwiederbringlich zu zerstören.“ Thomas Korte, Anwohner

Auch eine Möglichkeit, Rückmeldung zu geben

Mit der Entwicklung der Christuskirche zum Diakonischen Zentrum bleibt sie, was sie war und ist: Leuchtturm und Mitte der Tübinger Vorstadt, zu der Menschen sich über Milieugrenzen hinweg zugehörig fühlen. Ich wünsche mir, dass im Viertel die Chancen des Projekts für die dort lebenden Menschen wahrgenommen werden, und ein starkes Miteinander entsteht.   Von den Planenden erwarte ich, dass weiter so offen und transparent gearbeitet wird. Ich hoffe, dass sie dafür mit vielen Schultern in der Zivilgesellschaft belohnt werden, die die Veränderungen mittragen.” Pfarrerin Katrin Zürn-Steffens, BruderhausDiakonie

Eines von zahlreichen Plakaten am Eingang zur Christuskirche

“Unser größter Wunsch wäre die Reduzierung der durch einen Neubau versiegelten Fläche, durch den ein Teil des  Baumbestands im Park erhalten werden könnte (zusätzlich zu den beiden geschützten Bäumen). Beim Neubau eine Fassadenbegrünung.  Wir wünschen uns Ausgleichsmaßnahmen durch die Finanzierung von Baumpflanzungen entlang der Gminderstraße sowie die Bereitschaft zur Offenheit und Reflextion zu den Vorstellungen und Anregungen aus  der Nachbarschaft.“  Gabriele Janz, Stadträtin und Fraktionssprecherin Der Grünen und Unabhängigen

Neuer Wohnort für Menschen mit geistigen Behinderungen

Christian Freisem, Fachbereichsleiter in der bruderhausDiakonie, steht für das Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung vor Ort. „Inklusion heißt für uns, ins Quartier zu gehen, in die Gemeinde. Das ist der Weg der Zukunft“. Der Pädagoge sprach von einer „ganz normalen Wohngemeinschaft“. Die betreuten Menschen würden so leben wie beispielsweise viele Studierende auch. „Wir machen die Planung der Diakoniekirche mit großer Leidenschaft“, so Stadtplaner Albrecht Reuß, Geschäftsführer von “citiplan”. Aus seiner Sicht seien die Veränderungen in der Tübinger Vorstadt sehr plausibel. Dass hier eine Kirche wie Christuskirche ihre Grünfläche der Öffentlichkeit zur Verfügung stelle, sei allerdings nicht überall so – „und auch nicht unbedingt dauerhaft“. Laut seiner Machbarkeitsstudie wird es „viel Platz für Begegnen und Vernetzen“ geben. Für ihn ist bei Diakonie und Kirche „ein ernsthaftes Ringen erkennbar“, so wie man sich etwa um Nachhaltigkeit und zukunftsfähige Mobilität vor Ort kümmere. „Wir sind auf dem Weg, die beste Situation zu sichern für eine wirklich lebendige Mitte im Quartier“, machte Reuß deutlich.

„Ich sehe in dem Diakonischen Zentrum ein großes Entwicklungspotential, das den einzelnen Menschen sowie dem Quartier zu Gute kommen kann. Ich wünsche mir, dass durch konstruktives Miteinander ein Zugewinn an Möglichkeiten auch für zukünftige Generationen entsteht.  Bei der Gestaltung der Grünfläche wünsche ich mir biologische Vielfalt für eine gesunde natürliche Atmosphäre und dass auch die Anwohner davon profitieren.“ Stephanie Gohl, Diakonieverband Reutlingen

„Unser Wunsch an die Planenden ist eine Prüfung und Erarbeitung einer alternativen Strategie für den Standort des neuen Diakonischen Zentrums. Meine Bedenken und Sorgen richten sich nicht an den Bau eines Diakonischen Zentrums per se, sondern an den Standort der Bebauung auf der letzten Grünfläche in der Tübinger Vorstadt. Aktuell kenne ich kein alternatives Konzept zur Bebauung eines Diakonischen Zentrums auf einer bereits versiegelten Fläche.” Alexandra Siedlaczek, Anwohnerin


Zum Hintergrund

Die evangelische Christuskirche ist in der Tübinger Vorstadt, aber auch für die ganze Stadt ein wichtiges und wegweisendes Gebäude. Im Dritten Reich bewusst als „Christuskirche“ gebaut und 1936 fertig gestellt, ist sie ein Monument des Glaubens und des Widerspruchs gegen jede Form von Rassismus und totalitärer Herrschaft.  Als Kirche war sie von Anfang an ein Ort der Begegnung und des Miteinanders, ein Ort der Musik und Kunst. Und das soll auch im 21. Jahrhundert so bleiben und weiter ausgebaut werden. Und zwar so, dass aus der Christuskirche das „Diakonische Zentrum Christuskirche“ wird.

Geplant ist ein Umbau der Christuskirche und der Neubau zweier Gebäude auf dem Gelände. Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Reutlingen plant insgesamt etwa 13 Millionen Euro zu investieren und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur sozialen und städtebaulichen Entwicklung der Tübinger Vorstadt.

Ziele

  • Die Christuskirche wird zu einem Ort der Begegnung, in dem viele unterschiedliche Angebote und Menschen Platz haben. Sie bleibt als Raum für Gottesdienste, für Konzerte und Veranstaltungen erhalten. Auch neue Angebote sollen entstehen, die Bewohner der Tübinger Vorstadt nutzen und mitgestalten können.
  • Der Diakonieverband bekommt für sein vielfältiges Beratungsangebot neue und vor allem barrierefreie Räumlichkeiten.
  • Die BruderhausDiakonie erhält geeigneten Wohnraum für Menschen mit Behinderung.
  • Es entsteht neuer und bezahlbarer Wohnraum insbesondere für Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt nur geringe Chancen haben.
  • Das neue Zentrum ist auch in städtebaulicher Hinsicht zukunftsweisend, soll mit wenig Energie auskommen, Lärm und Abgase so gering wie möglich halten und für neues Grün sorgen.

Stand der Planungen

Eine Machbarkeitsstudie liegt seit Juni 2020 vor. Sie kommt zu einem positiven Ergebnis. Die verantwortlichen Gremien haben sich für die Variante ausgesprochen, die eine möglichst vielseitige Nutzung des Kirchengebäudes ermöglicht und die mit rund 20 Wohnungen neuen und bezahlbaren Wohnraum schafft.

Gemeinsam mit der Stadt gehen die Planungen gut voran. Eine Änderung des Bebauungsplanes ist allerdings erforderlich und wird einige Zeit in Anspruch nehmen. In der weiteren Planung werden Anwohner und andere Interessierte regelmäßig informiert und eingebunden. Ziel ist eine möglichst große Zustimmung der Menschen in der Tübinger Vorstadt. Wann die ersten Bauarbeiten beginnen und die ersten Mieter einziehen können, lässt sich noch nicht sicher sagen. Baubeginn ist frühestens 2024.

Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Reutlingen ist Eigentümerin und Bauherrin. Sie wird vom Kirchenbezirk Reutlingen und der Württembergischen Landeskirche unterstützt. Bei der Planung und auch im späteren Betrieb arbeitet die Gesamtkirchengemeinde eng mit den wichtigsten zukünftigen Nutzern zusammen: Dem Diakonieverband Reutlingen, der BruderhausDiakonie, der Diakoniestation Reutlingen und der Kirchengemeinde Reutlingen West-Betzingen. Das Projekt wird seit dem Jahr 2020 begleitet von “Aufbruch Quartier”

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